The Inmost Wilderness I, II, III, 2017

Marker, Druck, gefundene bearbeitete Fotos, 50 x 35 cm

Jahresgaben 2017, Kölnischer Kunstverein, Köln

 

The Inmost Wilderness I

The Inmost Wilderness II

The Inmost Wilderness III

Fotos: Simon Vogel



Die Arbeit „The Inmost Wilderness“, entstanden während des aktuellen Arbeitsaufenthaltes der Künstlerin Selma Gültoprak in Istanbul, zeigt Ergebnisse einer Recherche über die kulturgeschichtliche Bedeutung der Tulpe, dem Motiv des Gartens und einer Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte der Türkei.

Bei den Bildmontagen handelt es sich um gefundene Fotos, auf denen Soldaten vor Militärarchitektur und auf dem Übungsgelände posieren. Die Bilder wurden von der Künstlerin mit Kugelschreiber bemalt, abfotografiert und digital verfremdet. Auf den Schultern der Soldaten sitzen überdimensionale Blütenkelche. Die Bilder sind überzogen mit handschriftlichen Tags verschiedener Übersetzungen des Titels, von Anwohnern Istanbuls, ins Türkische. Hayvanin Güdü /Içindeki vahşilik/ En derin Yabanı/En vahşi doğası/ Ormanın derinlikeri/ Içindeki vahşilik Die Übersetzungen bieten intime Einblicke in ganz persönliche Interpretationen von „The Inmost Wilderness“ und ermöglichen poetische Erkundungen über das tiefste Innere jedes Einzelnen: Intimität, Instinkt, Wildheit, Natur, Gewalt, Schönheit und Poesie.

Als „Tags“ aus der Hand eines beauftragten Istanbuler Graffiti Künstlers kommentieren sie die dahinterliegenden Bilder. Tags, ein Phänomen der urbanen Graffiti-Kultur, sind ursprünglich Markierungen im öffentlichen Raum. Ausdruck von Meinung und Inbesitznahme der Straße, abseits des offiziellen Kanons. Anstelle des Straßenzuges, der rauen Betonwand zieren sie hier Collagen, die Einblicke in die Kulturgeschichte der Türkei wagen.

Das Militär in der Türkei, als Vermächtnis des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk, symbolisierte und verstand sich selbst lange als Wächter der modernen Republik und des Laizismus. Die Militärputsche (1960, 1971, 1980) haben sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Das Bild vom Soldaten, als ehrenhaften, gerechten und modernen Mann oder als Vertreter einer harschen, gewalttätigen Politik in den Wirren eines blutigen Bürgerkrieges, bedingt wohl die Perspektive. In der heutigen Türkei ändert sich, zumindest aus Staatssicht, das Bild des Militärs. Der gescheiterte Putschversuch im Sommer 2016, Bilder von geschlagenen Soldaten, die Verhaftung zahlreicher Generäle, und ähnliche Bilder überlagern das Bild des stolzen Militärs.

Die Bilder der Soldaten ziert hier, fast wie ein überdimensionaler Turban, der Blütenkelch einer Tulpe. Das Bild der Tulpe erzählt blumig aus der Vergangenheit. Aus Persien stammend gelangte die Tulpe im 15. Jahrhundert ins Osmanische Reich. Unter der Regentschaft von Sultan Ahmed III. fand die Tulpenliebe und die Gartenbaukunst ihren Höhepunkt. Die als Tulpenzeit (Lale Devri 1718-1730) beschriebene Epoche wird als eine Ära der kulturellen Blüte, Öffnung und Vielfalt beschrieben, deren Gärten als revolutionär galten. Der öffentliche Park wurde zu einem Ort der Begegnung, des Austausches, selbst des Flirts zwischen den Klassen.


In ihrer Arbeit „The Inmost Wilderness“ berührt Gültoprak Diskurse über Militarismus, (Neo-)Ottomanismus und tiefsitzende gesellschaftspolitische Konfliktlinien der Türkei. Darüber hinaus werden Fragen zum öffentlichen Raum, zur Um- oder Überschreibung von Geschichte und Geschichten und der Verwurzelung darin, sowie der Ambivalenz von Kultur und Natur in ihren Bildern verhandelt. Die Collagen bieten dazu einen Einblick in den künstlerischen Arbeitsprozess der Künstlerin, in dem künstlerische Motiv-Recherchen und persönliche Erkundungen sich verbinden.

Das Erkunden soll weitergehen. Geplant ist ein Tulpenbeet im Stadtraum Istanbuls, dessen Blüte im Camouflage Muster erscheint. Der Garten als eingegrenzte, domestizierte Mimikry der wilden Natur trifft hier auf Militarismus – in Uniform und striktes Regelwerk gepresste (un)-menschliche Gewalt. Der Garten tarnt sich selbst. Verschwindet und taucht unvermittelt im Stadtraum auf, besetzt ihn und lädt zur Beobachtung ein.

Text: Eva Liedtjens M.A.


Das Bild The Inmost Wilderness verbindet formal und inhaltlich unterschiedliche Ebenen und Zeiten: ein gefundenes Foto und Sprache als Zeitdokumente, digitale Bildbearbeitung, Kugelschreiberkritzelei und ein Graffiti Tag als Techniken. Die Bilderreihe beschäftigt sich mit der Überlagerung der türkischen Geschichte, ihrer Bedeutung und der Veränderung über die Zeit.

Die Tulpe ist das inoffizielle Emblem der Türkei. Seit der Ottoman Zeit nennt man die Tulpe „LALE“. Das Wort steckt in dem Begriff für Gott( Allah) und steht seither unter anderem für das Paradies und ewiges Leben. Insbesondere zu Zeiten Sultan Ahmet III. (Beginn 18.Jhd., Liebhaber der Gärten und Pflanzen, insbesondere der Tulpe (lale)) übernahm die Architektur zur Schaffung eines gemeinsamen öffentlichen Raumes und des Austausches die Form eines revolutionären Gartens an. Gärten galten der gemeinen der Öffentlichkeit: unterschiedliche Schichten konnten nebeneinander weilen, man lernte sich kennen, tauschte sich aus. Merkmal seiner Regime-Zeit war generell die kulturelle Vielfalt und Öffnung (Verbreitung des Buchdrucks und der Miniaturmalerei) =Lale devri (Tulpenzeit). Die Gärten wurden architektonisch so angelegt, dass Pavillons, Wege oder Brunnen als Teil der Natur zu integrieren, um so mit ihr zu verschmelzen. Heute spielt der Garten im Stadtraum als Ort der Erholung und Zusammenkunft und Zeit (dem Verweilen/ Zeit und Tempo) eine wichtige Rolle. Der Garten (Park) kann als Paradiesminiatur einer heilen Welt imaginiert werden.

In The Inmost Wilderness überlagern sich die Bildelemente zu einer mystischen Verwandlung und passieren dabei die einander überlagernden realen „Symbole“ der Türkei. Das Graffiti hierbei erinnert nicht zuletzt auch an öffentlichen Raum und die Markierung darin. Im Bezug zur Türkei und der Tulpe und des Gartens, als Raum einer geschaffenen Begegnungsstätte, schafft das TAG auf den Bildern gerade im Bezug zum Militär auch Bezüge zur Zeit der Besetzung des GeziParks, des öffentlichen (Park-)Raums, auf dem nun wieder die historische Kaserne aufgebaut werden soll.

Interessanterweise besetzt heutzutage das türkische Militär die schönsten Flecken Istanbuls, die unberührt und parkähnlich, aber natürlich nicht für die Öffentlichkeit zu betreten sind. Diese befinden sich z.B. am Bosporus, oder auf den Prinzeninseln, man erahnt von außen ein unberührtes Paradies. Das Militär hat in der Türkei eine Sonderstellung, fungiert wie ein hermetisches System, das international mehrere einflussreiche Wirtschaftszweige besitzt und betreibt. Die Macht des Militärs ist heutzutage geschwächt.

Die Bezeichnung Militär steht als Synonym für eine Zahl von Angehörigen der Streitkräfte, also die Soldaten, die in The Inmost Wilderness auf den persönlichen Fotos anonym werden. (Tulpen sind Klone.) Das Militär verkörpert außerdem das Verständnis von Territorien, Raumfragen und Aneignung, sowie den Schutz der inneren Sicherheit.

Der Titel The Inmost Wilderness, in den mannigfaltigen Übersetzungsinterpretationen ins türkische, spricht von einem Naturverständnis, von Menschlichkeit oder dem Animalischen darin, oder was davon übrig geblieben ist. Der englische Begriff Inmost ist ein alter Begriff für das „Geheimste/ Innerste/ Tiefste“.

Die Veränderung von Raum, insbesondere des öffentlichen Raums, der uns und unsere Bewegungen darin bestimmt, befindet sich mit unserem innerer Raum sozusagen in ständigem Austausch - beide greifen ineinander über.

The Inmost Wilderness I,II, III zeigen eine Überlagerung von Symbolen, Gesten und Geschichten und mischen die einzelnen Codes zu einer Erzählung, dass die Hinweise zu einem poetischem Bild verlinkt und arrangiert.

Text: Selma Gültoprak